Das große Experiment
Das große Experiment
Eine öffentliche Vortragsveranstaltung anlässlich des diesjährigen Umwelttages fand am 21. Juni 2011 im Kreishaus statt. Als Referenten traten Andreas Bleschke, Klimaschutzkoordinator des Landkreises Teltow-Fläming, und Dr. Andrea Lüttger vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) auf.
Nach einer thematischen Einführung durch Dr. Manfred Fechner, Leiter des Umweltamtes Teltow-Fläming, kam Andreas Bleschke schnell zur Kernaussage seines Vortrages: "Wir alle sind Teil eines großen Experiments, nämlich der Transformation der Gesellschaft in energietechnischer Hinsicht. Also weg von den fossilen Ressourcen hin zur Erzeugung und Nutzung regenerativer Energien."
Soll nämlich die kohlendioxidbedingte globale Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden, müssen die Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2050 um 95 Prozent reduziert werden. Und das, obwohl dann zwei Milliarden Menschen mehr auf der Welt leben werden als heute, Wohlstand und Konsum gewachsen sind und weitere Faktoren eine Rolle spielen werden.
Der Landkreis Teltow-Fläming verfolgt die Klimaschutzziele seit 2007 verstärkt mit diversen Anstrengungen. Unter anderem wurden drei Kreistagsbeschlüsse gefasst, Aufgaben- und Handlungsfelder definiert, interne und externe Arbeitsgruppen gebildet und an regionalen Forschungsprojekten partizipiert. Unter anderem geht es um Energieeinsparung, Nutzung erneuerbarer Energien und die Anpassung des Landkreises an die Folgen der Klimaänderung.
Die Klimaschutzkoordinierungsstelle in der Kreisverwaltung Teltow-Fläming hat jetzt erstmals eine Stromverbrauchsanalyse für den Landkreis erstellt. Sie zeigt, dass in Teltow-Fläming im Jahr 2009 ca. 1,1 Mrd. kWh Strom verbraucht wurden. Das ist so viel wie ein Kohle- oder Atomkraftwerk durchschnittlich pro Jahr erzeugt.
Mit Hilfe von erneuerbaren Energien (Biomasse, Windkraft, Photovoltaik) wurden 2009 bereits 524 Mio. kWh erzeugt. Das ist etwa knapp die Hälfte des verbrauchten Stroms - der allerdings nicht immer zu den Zeiten zur Verfügung steht, zu denen er auch benötigt wird. (Problematik Speicher-/Netzkapazität).
So ergeht der Aufruf, Energie bewusster zu verwenden oder einzusparen: Beispiel: Wenn jeder Bundesbürger die so genannten Standbye-Geräte daheim und am Arbeitsplatz abschalten würde, wäre ein ganzes Kern- oder Kohlekraftwerk überflüssig. Erkennen kann man die stillen Stromfresser an den rot oder grün leuchtenden Lämpchen an Videorekordern, Fernsehgeräten, Waschmaschinen und anderen Geräten sowie daran, dass beispielsweise Ladegeräte auch dann warm werden, wenn gerade kein Akku geladen wird. Es liegt an uns allen, Energie zu sparen, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen.
Doch selbst wenn das geschafft wird - was wohl schwierig ist, Experten rechnen schon Szenarien für 7 bis 8 Grad Erderwärmung durch - ergeben sich für den Landkreis Teltow-Fläming beachtliche Folgen.
Darüber informierte Dr. Antja Lüttger vom Potsdamer Institut für Klimaforschung (PIK). Sie nahm Bezug auf vier Expertisen zu den regionalen Auswirkungen des Klimawandels. Diese hatte das PIK unlängst dem Vorstand der Regionalen Planungsgemeinschaft, bestehend aus den Landräten der Kreise Teltow-Fläming, Havelland und Potsdam-Mittelmark, übergeben. In den Expertisen, die im Rahmen des Bundesprojekts "Modellvorhaben der Raumordnung: Raumentwicklungsstrategien zum Klimawandel\" (MORO) finanziert wurden, werden die Folgen der Klimaerwärmung für die Region beschrieben.
Dabei geht es unter anderem darum, welche Veränderungen für den Wasserhaushalt zu erwarten sind, wie die zukünftige Gefährdung durch Waldbrand einzuschätzen ist und wie sich die Landwirte auf den Klimawandel einzustellen haben. Hier sind auch Kommunen und Landkreise in der Pflicht: Anpassungen an den Klimawandel kommen nicht von allein, sondern müssen häufig erst angestoßen, begleitet und unterstützt werden.
Die Annahme, dass die Jahresdurchschnittstemperatur bis zum Jahr 2060 um 2 Grad ansteigt und das Niederschlagsniveau in etwa gleichbleibt, wirkt erst einmal sehr abstrakt. Die konkreten Folgen für die Region Havelland-Fläming können jedoch sehr gravierend sein. "So wird wahrscheinlich bis zur Mitte des Jahrhunderts durch die stärkere Verdunstung die Grundwasserneubildung auf den Hochflächen der Region um fast die Hälfte zurückgehen. Dieses wirkt sich auch auf den Abfluss aus, eine Folge werden sinkende Grundwasserspiegel und insgesamt geringere Abflüsse in den Gewässern sein", erläutert die MORO-Studienleiterin Dr. Andrea Lüttger.
Das fehlende Wasser während der Wachstumszeit wird in einigen Regionen mit sandigen Böden den Maisanbau zunehmend beeinträchtigen. Ohne Bewässerung wird dann häufiger kein rentabler Maisanbau mehr möglich sein - woher aber das Wasser nehmen? Die Durchflussgeschwindigkeit am Pegel der Nuthe in Babelsberg wird dann in trockenen Sommern immer häufiger unter 2 Kubikmeter pro Sekunde fallen und die Havel womöglich rückwärts nach Berlin fließen, wenn der Spree im Süden Brandenburgs Wasser entnommen wird.
Die Expertisen zeigen, dass der Klimawandel kein fernes und unsicheres Szenario, sondern bereits Realität ist: Grundlage bilden Klimadaten der Region, die bis ins Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichen. In den Expertisen wurde das Klima der letzten 50 Jahre näher untersucht. In diesen Zeitreihen zeigen sich klare Anzeichen des Klimawandels: Es wurde bereits wärmer und trockener. Die Modellbetrachtungen des PIK setzen die Zeitreihen der letzten 50 Jahre unter der eher optimistischen Annahme fort, dass es der Welt gelingt, dass 2-Grad-Ziel einzuhalten.
Die Ergebnisse der vier Expertisen stehen somit auch für die neue Ausarbeitung des Regionalplans 2020 zur Verfügung. Damit verfügt die Region Havelland-Fläming als eine von acht Modellregionen des Bundes über einmalige und hochaktuelle Planungsgrundlagen. Die kommunalen Praktiker waren bereits vorab eingebunden.
Eine kommunale Steuerungsrunde hat einen ganzen "Berg" von Handlungsmöglichkeiten diskutiert und teilweise auch schon umgesetzt - etwa den Leitfaden "Hitzewelle" oder die Muster-Entwässerungssatzung zur besseren Bewältigung von Starkregen. Damit sind die in den Expertisen vorgeschlagenen vielfältiger Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel bereits in der kommunalpolitischen Diskussion angekommen.
T-F
24.6.2011














